Hinter diesem Text stecken verschiedene Motivationen. Zum einen existiert da seit Jahren die ewig schwelende Debatte darum, welchen Weg europäische Jugendspieler einschlagen sollten: Verbleib beim Ausbildungsclub (trotz oder gerade wegen Euroleague-Belastung) vs. Wechsel zu einem „Farmteam“ auf anderem Level vs. College. Welche Option ist für Jugendspieler die beste? Als jemand, der Jugendbasketball – auch auf paneuropäischer Ebene – mit viel Interesse verfolgt wabert diese Frage natürlich immer im Hinterkopf bei mir.
Hinzukommt, dass der 06er-Jahrgang in Europa extrem stark ist – besonders die Breite der Spitze macht ihn so interessant. Es ist gut möglich, dass in fünf Jahren zehn oder mehr Spieler dieses Jahrgangs in der NBA oder auf höchstem europäischen Niveau angekommen sind.
In den letzten Jahren hat sich der Wettstreit um die größten Talente verschärft und die Entscheidungen einiger Spieler, die auch dem Pool dieser Analyse angehören, im vergangenen Sommer waren für mich Anstoß, noch etwas genauer, die Wege der einzelnen Spieler zu verfolgen.
Was ist passiert? Nun zum einen haben sich in Europa einige Proficlubs noch stärker als „Farmteams“ – ein besserer Begriff will mir nicht so recht einfallen – positioniert. In Deutschland sind das vor allem Alba Berlin und ratiopharm ulm. Zum anderen – und das ist nun tatsächlich ein Gamechanger – dürfen Collegeteams mittlerweile ihre Athleten bezahlen. Das ist für viele europäische Teams durchaus ein Problem.
Denn während Proficlubs in Europa eher wie mittelständische Unternehmen funktionieren (zumindest größtenteils), steckt in der College-Industrie viel Geld. Die sogenannten Booster sind bereit viel Geld in ihre Collegeteams zu investieren. Den ehemaligen Alumni geht es dabei in deutlich geringerem Maße um eine erwartete Gegenleistung, wie es Sponsoren in Europa verlangen. Oft begnügen sich die Alumni damit, dass sie ihrer Uni etwas zurückgeben und ihren Teil dazu beitragen, dass das Prestige des Programms erhalten bleibt. So erhalten einige College-Spieler mittlerweile mehr als eine Million Dollar für eine Saison – eine solche Summe würden sie weder in Europa noch im GLeague/NBA-Dunstkreis erhalten.
Das ist für 18- bis 25-Jährige viel Geld und so wird die NCAA für junge Europäer direkt attraktiver. Bisher waren die Argumente pro NCAA meistens die erstklassigen Facilities, die Kombination aus Sport und Studium, die Aussicht auf vergleichsweise viel Spielzeit (zumindest für die Toptalente) und die Verlockungen des amerikanischen Studentenlebens auf einem Campus. Wenn jetzt noch (besser) gezahlt wird, was sollte Talente dann in Europa halten?
Kritiker der NCAA halten immer das vergleichsweise niedrigere Spielniveau, die antiquierten Spielweisen und das generell schlechtere Coaching für die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen, die ein Talent pro Europa tendieren lassen sollten. Hier ist das Argument, dass ein Jahr in Europa deutlich besser für die langfristige Entwicklung als Spieler ist als ein Jahr in der NCAA. So allgemein kann man das sicher nicht formulieren. Weder in die eine oder andere Richtung. Doch tatsächlich ist das Coaching in Europa und der Umgang mit gestandenen Profis für die Entwicklung sicherlich wirksamer für die spielerische Entwicklung.
Der Haken ist nur: Am Ende nutzt das beste Training wenig, wenn junge Spieler nicht auch in Spielen unter Livebedingungen ihr Erlerntes anwenden dürfen. Nur aus Fehler lernen Spieler wirklich und da Coaches in Europa noch stärker unter kurzfristigem Erfolgsdruck stehen als in der NCAA, sind sie weniger bereit, jungen Spielern den Raum für Fehler zuzugestehen.
Vor diesem Hintergrund stehen viele junge Spieler nach Ablauf der Jugendzeit vor der Frage, wie sie den Übergang in den Profibereich meistern können. Im Falle der hier zehn aufgelisteten Spieler geht es noch konkreter um die Frage: wie schaffe ich es möglichst schnell in die NBA und wie kann ich mich dort etablieren?
Wie bereits beschrieben: der 06er-Jahrgang ist in der Spitze sehr breit, was ihn als Fallstudie interessant macht. Denn selten ergibt sich die Möglichkeit, zehn Spieler desselben Jahrgangs mit durchaus passablen Aussichten auf eine Karriere in der NBA oder Euroleague in so jungem Alter identifizieren zu können. Natürlich ist keineswegs garantiert, dass auch alle zehn dort landen. Im Gegenteil: Wenn es die Hälfte schafft, wäre das schon eine ordentliche Quote. Doch zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich als Zwischenfazit ziehen, dass alle zehn bereits auf den Zetteln der NBA-Scouts stehen.
| Name | Team 23/24 | Team 24/25 |
| Mitar Bosnjakovic | Real Madrid (U18) | Partizan Belgrad (ABA / Euroleague) |
| Egor Demin | Real Madrid (U18) | BYU (NCAA) |
| Noa Essengue | ratiopharm ulm (ProB / BBL) | ratiopharm ulm (BBL / Eurocup) |
| Hugo Gonzalez | Real Madrid (U18) | Real Madrid (ACB / Euroleague) |
| Kasparas Jakucionis | FC Barcelona (U18) | Illinois (NCAA) |
| Jack Kayil | Rasta Vechta (Pro A) | Mega (ABA) |
| Ivan Kharchenkov | Bayern (Pro B / BBL) | Bayern (BBL / Euroleague) |
| Ben Saraf | Kiryat Ata (ISL) | ratiopharm ulm (BBL / Eurocup) |
| Dame Sarr | FC Barcelona (U18) | FC Barcelona (ACB / Euroleague) |
| Nolan Traore | INSEP | Saint-Quéntin (Pro A / BCL) |
Als Kontext:
- Sehr früh legten sich Ben Saraf und Jack Kayil fest. Bei Saraf hieß es schon im Laufe der Saison 2023/24, dass er noch Ulm kommen würde. Kayil spielte bereits im Mai beim Adidas next generation Tournament für die U18 von Mega und überzeugte dort – das war knapp eine Woche nach der NBBL-Meisterschaft.
- Sehr spät entschieden sich in hingegen die Talente aus den Ställen der Powerhouses Madrid und Barcelona. Einzig bei Hugo Gonzalez schien frühzeitig klar, dass er bleiben würde. Ob Demin und Jakucionis ohne die mittlerweile verfügbaren Gehälter und die Veränderungen des Recruitings in der NCAA gelandet wären, darf zumindest angezweifelt werden. Besonders bei Dame Sarr zog sich die Entscheidung lange hin. Noch Ende Juni sah er sich Colleges vor Ort an (Arizona) und auch die NBL (Australien/Neuseeland) zeigte lange Interesse. Der Verbleib in Barcelona war letzten Endes etwas überraschend.
Spielpraxis
Beginnen wir zunächst mit der Gesamtausbeute: Wie viele Minuten haben die Talente gespielt und wie sehr traten sie als Scorer in Erscheinung?

Die beiden Ulmer Talente stechen hervor. Noa Essengue hat bereits 24 Ligaspiele in BBL und Eurocup absolviert und fast 500 Minuten Praxiserfahrung sammeln können. Ben Saraf fehlte einige Spiele verletzungsbedingt, hat jedoch auch schon ordentlich Minuten gesehen.
In Kontrast dazu hat Dame Sarr bisher noch keine 100 Spielminuten absolviert. Obwohl er theoretisch in 31 Spielen hätte auftauchen können, sah er nur in 14 davon überhaupt Spielzeit.

Wie zu erwarten erhalten die beiden College-Legionäre die meiste Spielzeit pro Partie. Sie wurden als Go-to-Guys geholt und erfüllen ihre Rollen bislang exzellent. Demin hat verletzungsbedingt zwar erst acht Partien absolviert, aber sich definitiv auf den Radar der NBA-Scouts gespielt.
Noch ein wenig größeren Wert wird Crunchtime-Minuten in der Entwicklung junger Spieler beigemessen. In einer spielentscheidenden Phase auf dem Court zu stehen und über Sieg oder Niederlage selbst mitzuentscheiden, hat vermutlich nochmal einen höheren Lerneffekt.
Und wie sieht das bei den zehn Talenten aus?

Auch hier liegen die beiden Ulmer Youngster vorne. Beide dürfen regelmäßig am Ende einer Partie auf dem Court stehen. Jakucionis stand bisher in jeder Crunchtime-Minute auf dem Feld – gleiches gilt für Demin. Hier wirkt sich ein wenig verzerrend aus, dass die Collegeteams bisher vergleichsweise schwache Competition und wenige enge Spiele hatten.
Erwartungsgemäß erhält die Euroleague-Fraktion keine Erfahrung in der Crunchtime. Einzig Mitar Bosnjakovic durfte in der engen Schlussphase gegen Barcelona für eine Spezialaufgabe in der Verteidigung eine Minute „lernen“.
Zu Nolan Traore habe ich leider keine verlässlichen Angaben gefunden…

Gerade Ben Saraf darf am Ende des Spiels auch viele Würfe nehmen. Als Point Guard hat er oft den Ball in den eigenen Händen. Seine Effizienz ist noch ausbaufähig, doch die Anzahl der Wiederholungen hat ihm sicher schon in seiner Entwicklung geholfen.
Fazit
Am Ende sollten ein paar eilig zusammengesuchte, deskriptive Statistiken nicht dazu dienen, die Entscheidungen von 18-Jährigen abschließend zu beurteilen. Allerdings liefert dieser oberflächliche Blick dann doch einige interessante Indizien, die zumindest das Bauchgefühl bestätigen:
- die beiden College-Gänger Jakucionis und Demin konnten bisher viel Eigenwerbung betreiben, da sie viel Spielzeit erhielten. Nun kommt allerdings erst der aussagekräftigere Teil der Saison mit besserer Competition. Hatten sie bislang den Bonus, für viele US-basierte (Hobby-)Scouts eher noch unbekannte Namen zu sein, werden sie nun deutlich stärker unter die Lupe genommen.
- die Euroleague-Spieler haben den schwersten Stand: Sarr, Gonzalez und Kharchenkov haben bisher die wenigsten Minuten gesehen, obwohl sie wahrscheinlich am meisten Zeit auf Reisen verbracht haben. Von möglichen ca. 30 Spielen wurden sie in etwa zwei Dritteln eingesetzt – nie in der Crunchtime. Besonders Gonzalez und Sarr leiden unter den überraschenden Schwierigkeiten ihrer Teams, die eigentlich über einen Top4-Kader in der Euroleague verfügen, aber bisher kaum glänzen. Die Trainerstühle sind angesägt und entsprechend erhalten die Youngster wenig Chancen. Kharchenkov hat mit seinem 20-Punkte-Outburst gegen Frankfurt seine Statistiken aufgepeppt, erhält aber auch noch vergleichsweise wenig Chancen. Bei Sarr stellt sich die Frage, ob er nicht doch ans College hätte gehen sollen (allerdings gab es wohl akademische Unklarheiten)…
- Überraschend erfolgreich präsentieren sich die Ulmer: Obwohl sie gleich zwei Greenhorns viel Spielzeit geben, stehen sie in EuroCup und Bundesliga gut da. Bei Ben Saraf war das vielleicht abzusehen – schließlich kam er als U18-EM-MVP einer stark besetzten Europameisterschaft nach Ulm. Auf lange Sicht ist bei Saraf die Frage: ist er wirklich ein Lead-Guard und Decisionmaker? Oder ist er nicht besser als Scorer vom Flügel aufgehoben? Die positive Überraschung ist vor allem Noa Essengue. Der mit Abstand jüngste Spieler dieser Liste (seit knapp zehn Tagen volljährig) ist offensichtlich noch weit davon entfernt, körperlich sein Maximum zu erreichen. Doch er scheut den Kontakt keineswegs! Satte 121 Freiwürfe in 24 Spielen sind ein sensationeller Wert; gerade für einen skinny 18-Jährigen.
- Unter dem Radar fliegen ein wenig Jack Kayil und Nolan Traore. Das hat für beide aber sehr unterschiedliche Bedeutungen. Im Falle von Traore ist das eher kein gutes Zeichen. Der Franzose war im Frühjahr schon als Topkonkurrent von Cooper Flagg auf den ersten Pick im Draft 2025 hochgejazzt worden. „Schuld“ war sein exzellenter Auftritt beim ANGT Finalturnier in Berlin. In der aktuellen Saison spielt er zwar solide, mehr aber auch nicht. Insbesondere als Scorer offenbart Traore noch Schwächen. Wettbewerbsübergreifend liegt er bei 42% Zweier- und 27% Dreierquote. Da kann Jack Kayil mit deutlich bessern Quoten aufwarten. Allerdings spielt er auch „nur“ auf ABA-Level. Diese sehr heterogene Liga ist insgesamt schwächer als die BBL. Bei Mega hat er seinen Starterposten auf der 1 sicher. Mittelfristig muss der Guard neben seinem Decisionmaking vor allem den Drive in die Zone stärker forcieren. Bislang ist er noch sehr abhängig von seinem Dreier, der ordentlich fällt (36%). In 14 Spielen zog er bisher erst 15 Freiwürfe.