Die ersten zehn Spieltage sind gespielt und Fenerbahce führt eine enge Euroleague als einziges Team mit zwei Niederlagen und acht Siegen an. Ein paar Gedanken zu dem, was bisher geschah.
Alba Berlin: Totgesagte leben länger
Es ist keiner schöner Anblick für Alba-Fans, aber er entspricht einfach dem Status Quo nach zehn Spielen. Alba gehört gerade nicht in die Euroleague. Angesichts der Kaderprobleme auch wenig verwunderlich.

Vor dem sensationellen 105:101-Overtime-Sieg gegen Mailand wäre mein Zwischenfazit wahrscheinlich düsterer ausgefallen. Aber: in dem Team steckt Leben. Vermutlich ist in den vergangenen Tagen schon alles gesagt und geschrieben worden, was es derzeit von außen betrachtet zu sagen gibt. Wichtig wäre sicherlich, dass Koumadje endgültig Berlin verlässt und dafür noch ein athletischer Big/Energizer kommt – Justin Bean mit mehr Größe.
Derzeit lastet bei P&Rs einfach zu viel Last auf den Ballhandlern – und diese wollen eigentlich gar nicht unbedingt selbst abschließen, wenn sie nicht Hermansson oder Spagnolo heißen.
Kommen dann irgendwann noch Matt Thomas und Malte Delow zurück, sollte Alba schon deutlich konkurrenzfähiger aussehen. Das kann aber noch einige Wochen in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit müssen alle anderen Spieler weitere Entwicklungsschritte hinlegen. Jonas Mattisseck hat es vorgemacht. Jetzt müssen Spieler wie Gabriele Procida, Louis Olinde (Foulmanagement!!!) und Ziga Samar folgen.
Bayern München: New Place, new Pace
Die Euphorie bei den Bayern ist groß und Gordon Herbert hat frischen Wind nach München gebracht. Unter ihm spielen die Bayern die zweitschnellste Pace der Euroleague und ihre Gegner mit viel Small Ball schwindelig.
Dass Shabazz Napier und Carsen Edwards in so einem System aufblühen, ist nicht überraschend. Überraschend ist, dass Bayern auf diese Karte setzt. Erstmals überhaupt lässt ein Team Edwards von der Leine. Am College spielte er bei Purdue für Matt Painter, der traditionell eines der kompliziertesten Playbooks der NCAA aufweist und sehr klassische auf 20 Sekunden lange Setplays setzt. Zudem hat Painter einen Fetisch für alles, was 2,15m oder größer ist und füttert seine Bigs wie kein anderer Trainer.
Trotzdem gelang es Edwards auch aus diesem starren System auszubrechen und seine Boilermakers im Alleingang fast ins Final Four zu schießen. Seit diesem vier Spiele währenden Run im März 2019 hat Edwards nicht mehr so befreit aufgespielt wie jetzt. Defensiv ist er nach wie vor einer der schwächsten Verteidiger aller Euroleague-Starter, aber solange er weiter so magische Quoten wirft, wird ihm das sicher verziehen werden.
Ein Name der bislang untergeht: Devin Booker. Der Big Man hat kaum noch Ähnlichkeiten mit dem Spieler, den Sasha Djordevic einst nach München für den ersten Stint holte. Booker ist mittlerweile der Small Ball Center mit dem größten Skillset der Euroleague und ermöglicht den Bayern überhaupt erst, diesen schnellen Spielstil aufzuziehen.
Die Frage wird allerdings sein, wie lange der Run hält? Zwei Faktoren rufen Skepsis hervor. Zum einen mussten die Leistungsträger im bisherigen Saisonverlauf schon viele Minuten gehen – und in diesen Minuten wiederum viele Meter mit hohem Tempo. Das geht auf Dauer an die Substanz. Was passiert, wenn irgendwann die Beine müde werden?
Wahrscheinlich sinken dann auch die Wurfquoten. Und gerade davon sind die Bayern extrem abhängig. Kein anderes Team trifft mehr als elf Distanzwürfe pro Spiel. Was aber das eigentlich verrückte daran ist: Nur etwas mehr als die Hälfte der Dreier sind per Assist herausgespielt. Wie die Grafik zeigt, sind die Bayern der klare Ausreißer:

Ein solch niedriger Wert ist eigentlich ein Indikator für eine geringe Wurfqualität, weil Catch-and-Shoot-Dreier dem Pullup-Dreier in der Regel vorzuziehen sind. Carsen Edwards and Shabazz Napier (und in Teilen auch Andi Obst) sorgen aber mit ihren derzeitigen Streaks dafür, dass den Bayern das egal sein kann. Doch, ob das über eine gesamte Saison zu halten ist?
Fenerbahce: Addition durch Subtraktion
Vor der Saison hätte ich bei Fenerbahce vermutet, dass es richtig knallt. Wade Baldwin und Sarunas Jasikevicius ist keine allzu harmonische Paarung. Dazu Scotte Wilbekin, Nigel Hayes-Davis und Marko Guduric, die allesamt sicher auch Ansprüche auf Touches in der Offense haben. Das barg ein gewisses Reibungspotenzial.
Da könnten die Verletzungen von Wilbekin und Baldwin fast schon so etwas wie glückliche Fügungen gewesen sein. Der zusätzliche Ausfall von Devon Hall tut sicher weh und hätte nicht noch sein müssen, da nun die Personaldecke auf Guard dünn wird. Aber zumindest die Hackordnung ist nun klar definiert. Hayes-Davis holt die Kohlen aus dem Feuer, Guduric übernimmt Playmaking-Aufgaben und Bonzie Colson ist der Edel-Garbageman, der höchst effizient alles aufsammelt und verwertet, was seine Teamkollegen fallen lassen.
Für die kommenden Wochen wird nun viel Verantwortung auf Arturs Zagars als Organisator lasten. Die Nachverpflichtungen Skylar Mays und Marial Shayok sind beide keine Lead-Guards. Auf lange Sicht stellt sich die Frage, ob Fenerbahce unter dem Korb qualitativ gut genug ist, um mit den Titel-Contendern mithalten zu können. Melli macht gerade einen exzellenten Job in Small-Ball-Lineups – doch gegen Real und die beiden griechischen Teams ist das fast zu wenig.
Paris: Hottest show in town
Tumoas Iisalo hat ein Monster geschaffen. Und meine diesjährige bold prediction in puncto Euroleague: Paris wird ins Final Four einziehen. Sie haben in T.J.Shorts den verlässlichsten Go-to-Guy der Liga. Zu klein? Kein Wurf? Egal! Der kleine Lefty kommt an jeden Spot auf dem Court, wenn er dort hinwill – inklusive in den Schädel seiner Gegenspieler.
Shorts hat bis jetzt 5-19 Dreier und 40-62 Freiwürfen geworfen, ist aber trotzdem bei einer Usage von über 34% dazu in der Lage sein Team zu sieben Siegen zu führen. Die Niederlagen waren allesamt denkbar knapp. Stand jetzt wäre Shorts legitimer Anwärter auf den MVP, Newcomer of the Year und Coach of the Year-Award. Und wer Shorts die letzten Jahre beobachtet hat, weiß, dass der Point Guard noch nicht fertig ist.

Noch eine Lobeshymne auf den unsung hero der Pariser: Leon Kratzer ist der Meister in Screen-Assists. Es fällt oft nicht auf und häufig wird er von den Schiedsrichtern mit Offensivfouls (zu Unrecht) bestraft, doch Kratzer räumt so oft seinen Guards einen oder gar zwei Gegenspieler aus dem Weg, dass Spieler wie Shorts oder Nadir Hifi auch auf Euroleague-Level operieren können, wie sie wollen. Das verdient allerhöchste Anerkennung. Hätte Kratzer ein besseres Standing bei den Refs, wäre seine Spielweise sogar noch effektiver und Paris noch schwerer zu stoppen.
Partizan: Hot or cold
Kein Team kann so schnell so heißlaufen wie Partizan, nur um dann augenblicklich zu Eis zu erstarren. Dieses Jahr fehlt Partizan ein Stabilisator wie Kevin Punter, der auch mal eine Durststrecke mit schwierigen Würfen überbrücken kann. Zudem ist Partizan unter dem Korb wahrscheinlich zu dünn besetzt.
Tyrique Jones gibt sein Bestes und hat sich bestimmt schon in die Fan-Herzen katapultiert mit seiner energetischen Spielweise. Doch ihm unterlaufen immer wieder haarsträubende Fehler, gerade defensiv. Brandon Davies ist zwar erfahrener, aber mittlerweile fehlt ihm der schnelle Absprung, den er noch vor zwei, drei Jahren hatte und für seine Spielweise essenziell war.
Erfreulich ist sicherlich, dass sich Isaac Bonga zu einem der besten und vielseitigsten Two-Way-Player der Euroleague stabilisiert. Zuletzt ging sein Wurf etwas verloren, ist nach dem unglaublichen Start aber nach wie vor noch einer der verlässlichsten der Euroleague (15/34). Zu Saisonbeginn spielte er regelmäßig die zweite Halbzeit durch – das geht auf Dauer in einen grenzwertigen Belastungsbereich.
Real: Wenig königlich
Nach aktuellem Stand würde Real Madrid nicht in die Play-Ins kommen. Das ist nach zehn Spieltag schon eine bemerkenswerte Feststellung. Sicher hat Real Verletzungsprobleme – besonders der Ausfall von Dzanan Musa wiegt schwer – doch wer hat die nicht? Viel mehr Sorgen sollte die Körpersprache machen. Zwischen lustlos und einander anzickend wirkt das Team von Chus Mateo nicht so, als ob es wirklich ein Team wäre.
Das macht es auch für die Neuankömmlinge schwieriger, sich einzufinden. Serge Ibaka wirkt allzu oft wie ein Fremdkörper und auch ein Xavier Rathan-Mayes hat noch nicht wirklich ein Bein auf den Boden bekommen. Walter Tavares hat nach wie vor zwar den größten Impact aller Euroleague-Spieler auf eine Partie, wird aber offensiv kaum mal gezielt gesucht. Lange sollten die Königlichen nicht mehr warten, bis sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.
Zalgiris: Wie lange hält der Trinchieri-Effekt?
Nach drei Niederlagen in Folge ist das Team von Andrea Trinchieri auf Rang sechs abgerutscht. Die Niederlagen setzte es allesamt gegen Teams aus der eigenen Tabellenregion. So weit also nicht so schlimm. Doch kann Zalgiris genug Siege sammeln, um sich dauerhaft in dieser Tabellenregion festzusetzen? Es wäre ein weiteres Schurkenstück von Andrea Trinchieri.
Denn offensiv fehlt diesem Team eigentlich das Talent, um ein Mittelfeld-Team in der Euroleague zu sein. Zalgiris ist das schwächste Team der Liga, was Abschlüsse in direkter Nähe am Ring betrifft. Zum einen generieren sie relativ zu allen Abschlüssen die zweitwenigsten in der Zone und zum anderen verwerten sie die Abschlüsse, die sie dann kreieren, mit der schlechtesten Quote.

Das Erfolgsrezept liegt bis hierhin vor allem in Tempokontrolle (niedrigste Pace) und guter Transition Defense. Denn in der Halbfeld-Defense ist Trinchieri ein Meister darin, seinen Teams mit einer unangenehmen Switch-Defense das Zeug an die Hand zu geben, um immer Überzahlsituationen in Ballnähe zu haben und so mangelndes individuelles Können durch ein funktionierendes Kollektiv zu kaschieren.
Auf Dauer wird aber dennoch Lonnie Walker IV zeigen müssen, dass er genau der richtige Schlüsselspieler ist, um offensiv für mehr Gefahr zu sorgen. Auch wenn die Spielertypen sich unterscheiden, erinnert die Verpflichtung ein wenig an Darius Miller zu Bamberger Zeiten, der ebenfalls nach seiner Ankunft eine neue Dimension in die Trinchieri-Mannschaft brachte.
Noch keine Trainerentlassung?
Es ist etwas überraschend, aber tatsächlich gab es nach zehn Spieltagen noch keine Trainerentlassung. Normalerweise sind die Entscheider bei den Euroleague-Clubs da deutlich ungeduldiger. Am ehesten dürfte der Stuhl bei den italienischen Clubs wackeln.
Bologna und Luca Bancchi spielen mit viel Intensität, aber die Spieler passen nicht zusammen. Es fehlt ein Lead-Guard und auch auf der großen Position fehlt Qualität. Toko Shengelia auf die 5 zu schieben, würde Probleme lösen (offensiv), aber selbst dann bräuchte es noch einen athletischen Stretch 4er.
Was Ettore Messina und Nikola Mirotic bisweilen veranstalten, ist kaum erklärlich. Hätten sie jeweils nicht ihren Namen und ihre Reputation, hätte Mailand vermutlich längst gehandelt. Jetzt hat sich Armani aber die beiden ans Bein gebunden und muss die Zeit wohl erstmals aussitzen und auf Besserung warten.
Auch bei Madrid darf man gespannt sein, ob Chus Mateo das Saisonende erlebt.